Warum zu viele Ballaststoffe Verstopfung verursachen können

Dieser Artikel basiert auf wissenschaftlichen Studien

Ballaststoffe | Verdauung | Verstopfung durch zu viele Balaststoffe | Was tun | Fazit | FAQ | Studien

Ballaststoffe sind nahezu allen Menschen ein Begriff. Wie sich Ballaststoffe jedoch tatsÀchlich auf die Verdauung auswirken, das wissen nur wenige.

Nachdem die weitlĂ€ufige Meinung, besagt, dass sie fĂŒr eine „gesunde“ Verdauung unerlĂ€sslich seien, meinen viele Menschen, sie mĂŒssten bei Verstopfung mehr Ballaststoffe zu sich nehmen.

Ob das eine zielfĂŒhrende Strategie ist, wollen wir uns heute gemeinsam anhand von aktuellen Studien ansehen.

Was sind Ballaststoffe?

Ballaststoffe sind der Kohlenhydratanteil der pflanzlichen Nahrung, den der menschliche Körper nicht verdauen kann.

Daher handelt es sich um einen AntinÀhrstoff, der die Absorption und Verdauung von Nahrungsmitteln reduziert.

Obwohl Ballaststoffe in natĂŒrlichen Lebensmitteln berechtigte Vorteile bieten können, ist die Annahme, dass sie fĂŒr eine gute Verdauung zwingend notwendig sind, eine Binsenweisheit.

Aufgrund dieser vermeintlichen Eigenschaft schlussfolgern Menschen immer wieder, dass ein Mehr an Ballaststoffen gegen Verstopfung helfen kann. Was die Wissenschaft dazu sagt, werden wir uns in diesem Artikel genauer ansehen.

Um die Rolle von Ballaststoffen in der Verdauung und bei Verstopfungen zu verstehen, mĂŒssen wir zuerst den Unterschied zwischen löslichen und unlöslichen Ballaststoffen erlĂ€utern.

Lösliche und unlösliche Ballaststoffe bei Verstopfung

Es existieren zwei Haupttypen von Ballaststoffen. Dabei entfalten sowohl lösliche als auch unlösliche Ballaststoffe im Zuge der Verdauung einzigartige Effekte (Vanhauwaert et al. 20151):

  • Unlösliche Ballaststoffe machen den Stuhl fester, erhöhen dessen Masse und beschleunigen den Transport durch den Magen-Darm-Trakt.
  • Lösliche Ballaststoffe absorbieren Wasser und bilden eine gelartige Substanz, was die Verdauung verlangsamt. Da sie im Gegensatz zu unlöslichen Ballaststoffen von Darmbakterien fermentiert werden können, erhöhen sie deren Masse.

Wenn lösliche Ballaststoffe die Nahrung aufblÀhen, wird dabei die Energiedichte verringert, und so die SÀttigung fördert. Auch unlösliche Ballaststoffe können durch erhöhtes Volumen im Magen zur SÀttigung beitragen.

Nachdem Darmbakterien lösliche Ballaststoffe in unserem Dickdarm fermentieren, fördern sie Produktion von kurzkettigen FettsÀuren und BlÀhungen.

Unlösliche Ballaststoffe sind hingegen widerstandsfÀhiger gegen Bakterien, können nicht fermentiert werden und geben dem Stuhl mehr Volumen.

Ballaststoffe erhöhen das Volumen des Stuhls

Wirkung löslicher und unlöslicher Ballaststoffe auf die Verdauung

Demzufolge bieten insbesondere natĂŒrliche Lebensmittel mit löslichen Ballaststoffen den Vorteil die NĂ€hrstoffaufnahme zu verlangsamen.

Neben der verbesserten SĂ€ttigung können sie dadurch auch die Blutzucker- und Insulinreaktion auf Kohlenhydrate in natĂŒrlichen Lebensmitteln reduzieren.

Dies belegt eine Studie, die zwei Gruppen von Typ-2-Diabetikern die gleiche Menge an Kohlenhydraten und Kalorien verabreichte.

Dabei wurden bei der Gruppe mit einem höheren Anteil an Ballaststoffen in ihrer ErnÀhrung signifikant niedrigere Blutzucker- und Insulinspitzen festgestellt (Chandalia et al. 20002).

Zum Beispiel sind Bohnen und Beeren Lebensmittel, die von Natur aus lösliche Ballaststoffe enthalten.

Außerdem stellen Avocados ein herausragendes Beispiel dar, weil sie neben löslichen Ballaststoffen, kaum Kohlenhydrate und reichlich Elektrolyte, Vitamine und gesunde FettsĂ€uren enthalten.

Überdies helfen sie bei der Aufnahme fettlöslicher NĂ€hrstoffe aus anderen Nahrungsmitteln.

Dementsprechend hat eine Studie herausgefunden, dass der Körper durch Avocados im Salat ca. 3-5-mal so viele Antioxidantien und Carotinoide absorbiert (Unlu et al. 20053).

Folglich können natĂŒrliche Lebensmittel mit Ballaststoffen durchaus einen sinnvollen Platz in einer gesunden ErnĂ€hrung einnehmen.

Im Gegensatz dazu werden bei hoch-verarbeiteten Lebensmitteln oft schĂŒtzende und sinnvolle Faktoren wie Ballaststoffe oder gesunde Fette entfernt.

Warum die unnatĂŒrliche ErgĂ€nzung mit Ballaststoffen, keine gute Alternative zu echtem Essen ist, werden wir uns nun anhand weiterer Studien ansehen.

Können zu viele Ballaststoffe Verstopfung verursachen?

Forscher aus Singapur untersuchten den Effekt der Reduzierung von Ballaststoffen auf Patienten mit idiopathischer Verstopfung. Dazu wurde 63 Patienten die Rolle von Ballaststoffen im Magen-Darm-Trakt erklÀrt.

WĂ€hrend der ersten zwei Wochen mussten sich sĂ€mtliche Teilnehmer an eine ballaststofffreie DiĂ€t halten. Danach konnten die Patienten jedoch ihre Ballaststoffzufuhr auf eine Menge reduzieren, die sie fĂŒr angemessen hielten.

Sie wurden in drei Gruppen mit ballaststofffreier, -reduzierter und -reicher ErnÀhrung aufgeteilt. Allerdings litten zu Beginn der Studie alle Teilnehmer an Verstopfung und Dehnungsöffnungserscheinungen.

Etwa die HÀlfte von ihnen erlebte dabei zusÀtzliche Symptome wie anale Blutungen, BlÀhungen und Bauchschmerzen.

WĂ€hrend der sechsmonatigen Studie entwickelten sich die verschiedenen Gruppen jeweils in eindeutige Richtungen:

  • Ballaststoffreiche ErnĂ€hrung: Alle fĂŒnf Symptome in der Gruppe nahmen ĂŒber die Dauer der Studie zu. Außerdem behielten die Probanden dieser Gruppe im Durchschnitt lediglich einen Stuhlgang pro Woche bei.
  • Ballaststoffreduzierte ErnĂ€hrung: In dieser Gruppe nahmen die Symptome chronischer Verstopfung systematisch ab. Dabei erhöhte sich die HĂ€ufigkeit von StuhlgĂ€ngen von einem pro 4,2 Tage auf einen Stuhlgang an jedem zweiten Tag.
  • Ballaststofffreie ErnĂ€hrung: Überraschenderweise verschwanden sĂ€mtliche Symptome in der Gruppe, die Ballaststoffe vom Speiseplan eliminiert hatte. DarĂŒber hinaus stieg die Darmfrequenz von einem Stuhlgang in 3,75 Tagen auf einen Stuhlgang pro Tag an.

Zusammenfassend liefert die Studie Beweise dafĂŒr, dass Reduzierung der Ballaststoffzufuhr auch Verstopfung und deren Symptome reduziert.

Daher legt die Studie vielmehr nahe, dass zu viele Ballaststoffe Verstopfung verursachen als sie zu bekÀmpfen (Ho et al. 20124).

Dementsprechend zeigen auch weitere Wissenschaftler auf, was offensichtlich sein sollte. Nachdem Ballaststoffe das Volumen des Stuhls erhöhen, haben sie das Potential, eine Verstopfung zu verschlimmern (Vanhauwaert et al. 20155).

Wer schon einmal versucht hat, eine große Masse durch eine enge Öffnung zu quetschen, wird verstehen, was die Forscher meinen – eigentlich nachvollziehbar.

Zu viele Ballaststoffe verursachen Verstopfung

Was tun bei Verstopfung durch zu viele Ballaststoffe?

Eine weitere Studie stellt klar, dass nicht davon ausgegangen werden könne, eine ballaststoffarme ErnĂ€hrung sei die Ursache fĂŒr chronische Verstopfung.

WÀhrend die Erhöhung der Ballaststoffaufnahme vielleicht einzelnen Patienten helfen könne, verschlimmere sie die Symptome insbesondere bei Patienten, die unter schwerer Verstopfung leiden.

Dabei weisen die Forscher auch darauf hin, dass es keine Beweise fĂŒr einen anderen weitverbreiteten Mythos gibt. Eine erhöhte FlĂŒssigkeitszufuhr kann Verstopfung nicht mildern (MĂŒller-Lissner et al. 20056).

Die Annahme, dass Ballaststoffe Wasser im Darm zurĂŒckhalten können, ist laut Forschung ebenfalls falsch (Stephen et al. 19797).

Zusammengefasst erfĂŒllen Ballaststoffe als Bestandteil natĂŒrlicher Nahrungsmittel sehr wohl wichtige Aufgaben. Als NahrungsergĂ€nzung sind sie hingegen fehl am Platz und können als externes Hilfsmittel die Verdauung nicht verbessern.

Leider werden BallaststoffprÀparate gerade als Verdauungs- oder Abnehmhilfen verkauft, die sie nicht sind. Obwohl Ballaststoffe in Rohkost durch Regulierung von Blutzucker- und Insulinspiegel bei Abnehmen helfen, können sie das als NahrungsergÀnzungsmittel nicht in dieser Form.

Deshalb sollte nun nachvollziehbar sein, dass es keine gute Idee ist bei einer akuten Verstopfung noch zusÀtzliche Ballaststoffe zu konsumieren. Mehr und festerer Stuhl bedeutet in den meisten FÀllen stÀrkere Verstopfung.

Somit ergeben sich bei Verstopfung folgende Maßnahmen:

  • Keine BallaststoffprĂ€parate einnehmen
  • Ballaststoffreiche Lebensmittel vermeiden
  • Verarbeitete Lebensmittel, die mit Ballaststoffen angereichert wurden aus der ErnĂ€hrung streichen

Zu ballaststoffreichen Lebensmitteln, die bei Verstopfung vermieden werden sollten, zĂ€hlen insbesondere HĂŒlsenfrĂŒchte, Getreide, Pseudogetreide (z. B. Quinoa), Kartoffeln, Mais, Beeren, Bananen, NĂŒsse und Samen.

Dementsprechend muss pflanzlich nicht gleich gesund bedeuten. Wer einen Ansatz mit weniger Kohlenhydraten und mehr gesunden Fetten in seiner ErnÀhrung verfolgt, lÀuft auch weniger Gefahr an Verstopfung zu leiden.

Ob darĂŒber hinaus Bewegung effektiv gegen Verstopfung wirkt ist weitgehend unbelegt. Schaden wird sie jedoch höchstwahrscheinlich nicht.

Zu viele Ballaststoffe verursachen Verstopfung trotz gesunder ErnÀhrung

Schlussendlich widersprechen die Fakten der allgemeinen Auffassung zu Ballaststoffen, Verdauung und Verstopfung.

Allerdings ist das keine neue Erkenntnis. Schließlich dĂ€monisiert die allgemeine Auffassung zu gesunder ErnĂ€hrung beispielsweise immer noch gesĂ€ttigte FettsĂ€uren oder Salz, obwohl die Wissenschaft schon lange Gegenteiliges bewiesen hat.

Wie es uns Forscher zeigen, ist es einfach schwierig großes Volumen durch eine enge Passage zu bekommen.

Da gerade Ballaststoffe das Volumen des Stuhls erhöhen, können sie Verstopfung nicht lindern – ganz im Gegenteil.

Aber auch dies bleibt vermutlich ein Mythos, dessen Verfallsdatum noch lange nicht gekommen ist.

Zu viele Ballaststoffe Verstopfung FAQ

Können Ballaststoffe zu Verstopfung fĂŒhren?

Da Ballaststoffe das Volumen des Stuhls erhöhen, können sie zu Verstopfung fĂŒhren.

Welche Ballaststoffe bei Verstopfung?

Bei Verstopfung sollte man keinesfalls noch mehr Ballaststoffe essen. Da Ballaststoffe das Volumen des Stuhls erhöhen, verschlimmern sie die Verstopfung in den meisten FÀllen.

Was soll man bei Verstopfung nicht essen?

Bei Verstopfung sollte man auf ballaststoffreiche Lebensmittel verzichten und keinesfalls BallaststoffprÀparate wie Kapseln einnehmen.

Was kann man tun gegen zu viel Stuhlgang?

Bei zu viel Stuhlgang kann man die Ballaststoffzufuhr reduzieren, weil gerade Ballaststoffe das Volumen des Stuhls erhöhen.

Studien

#1-7

1Vanhauwaert E, Matthys C, Verdonck L, De Preter V. Low-residue and low-fiber diets in gastrointestinal disease management. Adv Nutr. 2015 Nov;6(6):820-7. doi: 10.3945/an.115.009688. Print 2015 Nov. Review. PubMed PMID: 26567203; PubMed Central PMCID: PMC4642427.

2Chandalia M, Garg A, Lutjohann D, von Bergmann K, Grundy SM, Brinkley LJ. Beneficial effects of high dietary fiber intake in patients with type 2 diabetes mellitus. N Engl J Med. 2000 May 11;342(19):1392-8. doi: 10.1056/NEJM200005113421903. PubMed PMID: 10805824.

3Unlu NZ, Bohn T, Clinton SK, Schwartz SJ. Carotenoid absorption from salad and salsa by humans is enhanced by the addition of avocado or avocado oil. J Nutr. 2005 Mar;135(3):431-6. doi: 10.1093/jn/135.3.431. PubMed PMID: 15735074.

4Ho KS, Tan CY, Mohd Daud MA, Seow-Choen F. Stopping or reducing dietary fiber intake reduces constipation and its associated symptoms. World J Gastroenterol. 2012 Sep 7;18(33):4593-6. doi: 10.3748/wjg.v18.i33.4593. PubMed PMID: 22969234; PubMed Central PMCID: PMC3435786.

5Vanhauwaert E, Matthys C, Verdonck L, De Preter V. Low-residue and low-fiber diets in gastrointestinal disease management. Adv Nutr. 2015 Nov;6(6):820-7. doi: 10.3945/an.115.009688. Print 2015 Nov. Review. PubMed PMID: 26567203; PubMed Central PMCID: PMC4642427.

6MĂŒller-Lissner SA, Kamm MA, Scarpignato C, Wald A. Myths and misconceptions about chronic constipation. Am J Gastroenterol. 2005 Jan;100(1):232-42. doi: 10.1111/j.1572-0241.2005.40885.x. Review. PubMed PMID: 15654804.

7Stephen AM, Cummings JH. Water-holding by dietary fibre in vitro and its relationship to faecal output in man. Gut. 1979 Aug;20(8):722-9. doi: 10.1136/gut.20.8.722. PubMed PMID: 488767; PubMed Central PMCID: PMC1412537.

Mag. Stephan Lederer, Bakk., MSc

Stephan is a writer and a true man of science holding multiple diplomas and master degrees among different areas of research. Closing the gap between the conventional perception of health and the latest scientific evidence is his greatest analytical passion – always following the data.

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